Wie alles begann

1 Jahr Liekedeeler: „Nicht lang schnacken, sondern machen!“

Gänsehautmomente, Tatkraft in der Krise und drei Bedingungen – Georg Neubauer (Gründer von blattfrisch und Liekedeeler), Jonas Puschke-Rui (BIOBOB-Geschäftsführer) und Ulf Schönheim (Vorstand der Regionalwert AG Hamburg) im Interview zu den Liekedeeler-Anfängen. Sie erzählen davon, wie die Idee entstand, welche Schlüsselmomente es gab und welche Visionen sie auch heute antreiben.

 

Vielfalt

Wie ist die Liekedeeler-Idee entstanden?

Georg:

„Als durch den ersten Lockdown plötzlich die Bestellzahlen von blattfrisch in den Keller gingen und ich mitbekam, dass es vielen Regionalwert-Partnerbetrieben ähnlich ging, habe ich gesagt: Wir brauchen eine eigene regionale Vermarktung für Hamburg! Die Idee der Lieferkiste war für mich mit drei Bedingungen verbunden. Erstens sollte jeder, der mitmacht, richtig Bock haben. Zweitens musste es einen echten Mehrwert für jeden geben. Und die dritte Bedingung hieß: ‚Ja, aber …‘ ist verboten. Ich wollte nicht ewig rumdiskutieren, sondern machen. Also habe ich mein Netzwerk abtelefoniert und so ging’s los.“

Ulf:

„Ich war gerade bei einem anderen Corona-Projekt, als das Telefon klingelte. Georg hatte die Idee einer Grundversorgungskiste, die Regionalwert-Partnern einen neuen Absatzkanal bieten und Leuten die Möglichkeit geben sollte, regional, frisch und ökologisch einzukaufen. Wir hatten schon mal darüber nachgedacht, Lieferservices aus dem Netzwerk anzubieten. Mit Georg kam dann die entscheidende Initiative. Ich habe ihn daraufhin mit Jonas zusammengeschaltet, weil wir kurz vorher gesprochen hatten. Ich wusste, dass BIOBOB genau der richtige Partner für die Logistik sein könnte.“

Jonas:

„Schon beim ersten Telefonat war klar, dass Georg und ich auf einer Wellenlänge sind. Ich fand seine Lieferkisten-Idee super. Unser Kerngeschäft war den Bach runtergegangen und Liekedeeler war eine wirklich sinnvolle Alternative. Zu der Zeit waren viele Verbraucher:innen verunsichert. Vor den Supermärkten waren lange Schlangen und andere Lieferservices hatte Aufnahmestopp für neue Kund:innen. Ich sagte, ich kann das für euch machen. Und dann haben wir gemacht.“

 

Was waren die Schlüsselmomente des ersten Jahres?

Georg:

„Der wichtigste Schlüsselmoment war, als ich die Liekedeeler-Idee unserem blattfrisch-Team vorgestellt habe und mich niemand für bekloppt erklärt hat. Im Gegenteil, alle haben mich darin bestärkt, das auszupr­obieren. Dann, nach den ersten Telefonaten mit den Partnerbetrieben, wo meine Euphorie sofort übergesprungen ist. Die meisten haben spontan gesagt: ‚Ich bin dabei!‘. Da dachte ich, jetzt weiß ich, wofür ich den Job die letzten fünf Jahre gemacht habe.

Jonas:

„Die ersten Lieferwochen waren extrem und besonders. Ich habe immer erst im Moment der Lieferung gesehen, mit welchen Produkten wir es genau zu tun haben. Die Quantität war auch irre. Da war viel in Echtzeit zu regeln, zu entscheiden und umzusetzen. Diese Kraftanstrengung finde ich schon besonders. Genauso wie das, was wir in den zwölf Monaten geschafft haben. Wir haben uns in dem Jahr als Unternehmen entwickelt. Alle gemeinsam.“

Was ist vom ersten Packtag und der ersten Auslieferung hängen geblieben?

Georg:

„Am ersten Packtag haben wir nur 25 Liekedeeler-Kisten gepackt, um uns nicht zu überfordern und weil wir für den Tag die Presse eingeladen hatten. Am Tag selbst hatten wir fantastisches Wetter, alle waren gut drauf und Ulf, Jonas und ich konnten uns bei den Interviews wunderbar die Bälle zuwerfen.“

Ulf:

„Ich war zwar nicht bei der ersten Auslieferung dabei, aber es gab einen Dreh fürs ZDF, da hatte ich meinen Highlight-Moment. In der Doku haben wir mit dem Fahrradkurier die Liekedeeler-Kiste ausgefahren. Wir haben einer deutsch-französische Familie in der Neuen Mitte Altona die Kiste vorbeigebracht. Dann packt der kleine Sohn die Kiste aus und will gar nicht aufhören, die Milch zu trinken. Das war ein richtiger Gänsehautmoment.“

Was war Eure Vision? Was wolltet Ihr in der Krise bewirken?

Georg:

„Ganz am Anfang war die Vision, mitten in der Krise eine Antwort auf die fatale Situation im Lebensmitteleinzelhandel zu finden. Wir wollten mit dem Liekedeeler eine solidarische Direktvermarktung aufbauen – mit kurzen Wegen und guten Produkten, wo alle Teilnehmer:innen mitgestalten und auf Augenhöhe eine alternative Vermarktungsmöglichkeit aufbauen können.“

Jonas:

„Für mich war ab dem ersten Telefonat mit Georg klar, dass es genau der richtige Moment ist, um mit BioBob ins Regionalwert-Netzwerk einzusteigen. Vor allem in der verrückten Lockdown-Zeit wollten wir unsere Struktur auch für die anderen Partner zur Verfügung stellen. Wir haben als BioBob nicht nur Liekedeeler möglich gemacht, sondern auch anderen Partnern einen Absatzmarkt angeboten. Davon hatten alle was. Das fand ich von Anfang an sinnvoll und klug.“

Wie geht’s weiter?

Georg:

„Für mich ist die Vision insgesamt, dass wir uns als Liekedeeler-Gemeinschaft fühlen. Kund:innen und Lieferant:innen sollen sich gegenseitig einbinden – nicht nur über uns in Kontakt sein. Alle sollen mitgestalten. ‚Ich bin nicht nur Kunde, ich bin ein Liekedeeler‘ – diese Vision soll für Kund:innen fühlbar werden. Sie sollen ohne schlechtes Gewissen die Kistenbestellung aussetzen, aber trotzdem an Podiumsdiskussionen teilnehmen und Teil der Gemeinschaft sein. Einer Gemeinschaft, die jede Meinung hört und wertschätzt. Dann sind Fairness und solche Themen gar keine Frage mehr. Denn wenn man sich schätzt, kann man gar nicht mehr unfair zueinander sein.“